Reitlehren unter der Lupe betrachtet
1. Die Halbe Parade
2. Die Aufwärtsparade
3. Die Ganze Parade
4. Auf jedes Annehmen folgt ein Nachgeben
5. Rückwärtsrichten
6. Der leichte Sitz
1. Die Halbe Parade
Eines meiner Lieblingsthemen im Reitunterricht ist die Halbe Parade. Es ist schon sehr interessant, wie schlecht diese Hilfe offensichtlich von Reitlehrern vermittelt und/oder von Reitschülern verstanden wird. Die häufigsten Antwort auf meine Frage, was denn eine Halbe Parade ist, lautet: Das Annehmen eines oder beider Zügel, an einem oder beiden Zügeln zupfen und ähnliches.
Gehen wir in der theoretischen Ausbildung kurz einmal ein Schrittchen zurück:
Wir kennen:
- Kreuzhilfen
- Gewichtshilfen
- Schenkelhilfen
- Zügelhilfen
Bei den Zügelhilfen unterscheiden wir:
- nachgebende Zügelhilfen
- annehmende Zügelhilfen
- durchhaltende Zügelhilfe
- verwahrende Zügelhilfe
Bei den annehmenden Zügelhilfen unterscheiden wir nach der Stärke, in der wir sie anwenden:
- Finger schließen leicht
- Hand eindrehen: mittel
- Arm zurückziehen: stark
Als nächstes überlegen wir, welche Hilfen zum Anreiten oder Antraben gegeben werden:
- vorwärtstreibende Kreuz- und Schenkelhilfen
- nachgebende Zügelhilfe
Wenn also das Annehmen des Zügel eine Zügelhilfe darstellt, ist dies wahrscheinlich nicht die richtige Erklärung für die Halbe Parade, es sei denn, beides wäre das Gleiche. Ist es aber nicht.
Wir haben gelernt, dass zum Anreiten oder Antraben die nachgebende Zügelhilfe gegeben wird. Diese soll lediglich das dabei notwendige Strecken des Pferdes, insbesondere des Halses (die sog. Rahmenerweiterung) zulassen und erscheint für Reiter und Pferd logisch.
Bei der Halben Parade nun geschieht etwas auf den ersten Blick Paradoxes:
Der Reiter gibt vorwärtstreibende Kreuz- und Schenkelhilfen, gibt aber statt der nachgebenden Zügelhilfe eine durchhaltende oder annehmende Zügelhilfe.
Pferd reagiert mit: Hä? Was ist los?
Dadurch entsteht beim Pferd ein Moment der Aufmerksamkeit (Wir erinnern uns an unseren Reitlehrer: Eine Halbe Parade gibt man, um sein Pferd aufmerksam zu machen).
Das Pferd gerät unter leichte Spannung (Die wir brauchen, denn wir erinnern uns wieder an unseren Reitlehrer: Eine Halbe Parade gibt man vor jeder Ecke, jeder neuen Hufschlagfigur, vor dem Angaloppieren…) .
Unser Ziel muss es hier, wie überall beim Reiten sein: Die Stärke der einzelnen Hilfen sollte so gering wie möglich ausfallen!
2. Die Aufwärtsparade
Für mich gibt es keine Aufwärtsparade, denn der Ausdruck suggeriert, dass eine Parade mit irgendwelchen Aktionen am Zügel gleichzusetzen ist.
Unter bestimmten Umständen kann das gleichzeitige Annehmen und Anheben der Hand sinnvoll sein und stellt eine starke Einwirkung auf das Pferdemaul dar. Für mich eine Art der „Notbremse“.
3. Die Ganze Parade
Die Ganze Parade war und ist für mich eines der schwierigsten Kapitel und ich bin ehrlich, dass ich diese Nuss noch nicht zu meiner vollen Zufriedenheit geknackt habe.
Mir persönlich reicht es nicht, meinen Reitschülern zu erzählen, dass eine Ganze Parade nur zum Halten gegeben wird. Auch nicht, dass sie eine Abfolge von Halben Paraden darstellt, denn dann stellt sich dem kritischen Menschen sofort die Frage, ab wie vielen Halben Paraden spricht man denn von einer Ganzen Parade? Ab drei, fünf oder zehn?….
Noch kuddelmuddeliger wird es, wenn in der FN-Reitlehre auch noch zu lesen ist, dass vor allem aus höheren Gangarten die Ganze Parade durch vorhergehende Halbe Paraden unterstützt wird. Eine Abfolge Halber Paraden wird also durch vorhergehende Halbe Paraden unterstützt?
Dem Reiter kann man die Ganze Parade ja noch als eine Abfolge von Halben Paraden verkaufen: Man gibt so viele Halbe Paraden, bis das Pferd zum Halten kommt, für ein Pferd ist das aber gänzlich unverständlich.
Auf ein und dasselbe Signal soll es: aufmerksam werden, unter Spannung geraten, durchparieren von einer höheren zu einer niedrigeren Gangart, Tritte oder Sprünge verkürzen und und und… und nun auch noch halten.
Wenn ich Pferd wäre, würde ich nicht verstehen, wann ich nach Halben Paraden zum Halten kommen soll und wann nicht. Außerdem wird es unmöglich, an einem bestimmten Punkt zu halten, weil beim Pferd eben immer die Unsicherheit zwischen der Hilfengebung und dem eindeutig richtigen Verhalten besteht. Denn mehrere Halbe Paraden werden auch gegeben, wenn eine beim Pferd nicht ankommt. Halten soll es deshalb aber noch lange nicht….
Die Ganze Parade ist und bleibt mysteriös. Trotzdem bringen Reiter Pferde landauf landab, dazu, anzuhalten, einige sogar auf den Punkt. Es geht also, aber wie? Und – geschieht dies wirklich durch eine Abfolge von Halben Paraden, durch eine Ganze Parade?
Ich denke, nein! Eine oder mehrere Halbe Paraden mögen das Halten vorbereiten, sie bringen aber das Pferd nicht zum Stehen. Vielmehr muss der Reiter ein Signal geben, dass sich von den anderen unterscheidet, damit auch das Pferd es von anderen Signalen unterscheiden kann.
Sich schwer machen, das Gefühl haben, die Wirbelsäule sei eine Kette, die herunterrasselt, die Bewegung des Pferdes nicht mehr im Kreuz aufnehmen, solche und ähnliche Bilder werden vermittelt, um mit Pferd und Reiter das Halten zu trainieren. Und das ergibt auch Sinn. Das Pferd spürt, wenn der Reiter die Bewegung nicht mehr aufnimmt, spürt es, wenn sich der Reiter schwer macht – und nun ist es in der Lage, auf diese Hilfen korrekt mit einem Halten zu reagieren. Die Definition für die Ganze Parade gehört meiner Meinung nach noch einmal auf den Prüfstand! Aber vielleicht kann mich ja auch tatsächlich noch jemand überzeugen!
4. Auf jedes Annehmen folgt ein Nachgeben
Auch wenn man den Eindruck gewinnen kann, dass nicht einmal mehr dieser Satz zu den Standardsätzen von Reitlehrern gehört und sich leider nur zu gern im Zügel festgehalten wird, gehört er sicherlich zur Gruppe der oftmals missverstandenen Anweisungen. Das führt dazu, dass Pferdeköpfe durch fortwährendes Annehmen und Nachgeben irgendwie herunter kommen, die Pferde im Maul ungnädig sind, es zu keiner ruhigen Anlehnung kommt und die Pferde in gewisser Weise frustriert reagieren. Dabei ist das Nachgeben nach dem Annehmen doch gut gemeint!
Wie macht man es richtig?
Durch ein Annehmen oder Durchhalten des Zügels entsteht auf dem Maul des Pferdes ein Druck, der ihm unangenehm ist. Deshalb versucht es, sich dem Druck zu entziehen, in dem es verschiedenen Haltungen des Kopfes anbietet oder gegen die Hand geht. Gibt man nun nach, lernt das Pferd: Aha! Wenn ich gegen den Druck angehe, lässt der Druck nach. Das Pferd hält jetzt dieses Verhalten für richtig.
Bietet das Pferd die erwünschte Richtung nach Vorwärts-Abwärts oder in Richtung vor die Senkrechte an und der Reiter nimmt in diesem Moment den oder die Zügel wieder an, weil’s „halt dran ist“, lernt das Pferd: Oh! Der Druck kommt wieder! Ich muss ihm anders entkommen.
Nimmt ein Reiter also die Zügel an und gibt anschließend wieder nach und tut er dies einfach in einem bestimmten Rhythmus, dann führt dies beim Pferd zu Frustration, denn egal, was es anbietet, der Druck kommt immer wieder…
Richtig ist es, mit den Händen dann leicht zu werden, nachzugeben, wenn das Pferd das Richtige anbietet. Und danach heißt es, die Hände so lange ruhig und nett zu halten, bis man entweder wieder etwas anderes vom Pferd möchte oder bis das Pferd seine Haltung negativ verändert und man ihm wieder sagen muss, was man von ihm möchte.
Verpasst man allerdings den Moment des Nachgebens, die gerechte Belohnung des Pferdes, versteht das Pferd nicht, was man von ihm will, baut bei Wiederholung abermals Frustration auf oder lernt etwas, das wir eigentlich gar nicht wünschen.
Achtung: In dieser kleinen Abhandlung habe ich nur den Teil „Annehmen-Nachgeben“ besprochen. Alles andere bleibt davon unberührt! Damit meine ich z.B. das korrekte “an den Zügel heran reiten”, ausreichend Schwung, Taktreinheit und und und … .
5. Rückwärtsrichten
Das größte Missverständnis, dem ich bei der Lektion Rückwärtsrichten begegne, ist, dass Reiter meinen, sie könnten so eine Art Rückwärtsgang einlegen, indem sie die Schenkel zurücknehmen, dann treiben und dabei die Zügel annehmen. Oft wird der Oberkörper vor die Senkrechte genommen.
Korrekt wird das Rückwärtsrichten so geritten:
Der Reiter gibt eine vorwärtstreibende Hilfe und fängt dann die Vorwärtsbewegung des Pferdes auf. Das kann man bei sich selbst ausprobieren. Lege ein Seil um Deinen Körper. Du kannst es gerne vor Bauch oder Brust mit den Händen festhalten. Hinter Dir nimmt jemand die zwei Enden des Seils in die Hände. Jetzt mache eine langsame Vorwärtsbewegung und bitte den Menschen hinter Dir, das Seil straff zu halten, nachdem Dein Bein sich nach vorne bewegt hat. Wenn dies im richtigen Moment geschieht, wirst Du merken, dass der Schwung, den Du eigentlich zum „Nachvornegehen“ benutzen wolltest, Dich nun nach rückwärts bewegt, ohne dass derjenige, der das Seil hält, daran zieht.
Die verwahrenden Schenkel haben lediglich den Sinn einzugreifen, wenn das Pferd von der geraden Linie abkommt. Dann – und nur dann(!) – treibt der entsprechende Schenkel gegen, um es auf gerader Linie zu halten. Die Gewichtshilfe ist beim Auffangen leicht entlastend, aber nicht sichtbar. Der Reiter soll lediglich das Gefühl haben, mit dem Kreuz nicht vorwärts zu treiben, vielleicht ein kleines bisschen mehr Gewicht auf den Oberschenkeln aufzunehmen. Mehr sollte es nicht sein.
6. Der Leichte Sitz
Der Leichte Sitz wird im Gelände, beim Springen und ggf. auch zum Lösen im Galopp eingenommen. Der Leichte Sitz soll den Rücken des Pferdes entlasten, ihm das Gefühl geben, der Reiter sei leichter. Für den Reiter bedeutet es nicht, dass der Leichte Sitz leicht zu erlernen ist.
Beim Leichten Sitz ist ganz besonders darauf zu achten, dass das Gewicht des Reiters nicht einfach nach vorn verlagert wird, denn dann wird zwar der Rücken des Pferdes entlastet, jedoch die Vorhand übermäßig belastet. Rutscht man mit dem Hintern mit geradem (!) Rücken (stöhn) etwas nach hinten, wird das Gewicht wieder gleichmäßig verteilt. Die Bewegung wird in Hüft-, Knie- und Fußgelenken federnd aufgefangen. Das scheint zu Anfang sehr anstrengend zu sein, fühlt sich aber toll an, wenn man es kann!