Von Drehachsen, Eisenstangen, Ketten und einem sensiblen Hohlraum.

20. März 2010

Alltäglicher Missbrauch von Kandaren im Turniersport


- Die Kandare befähigt den Reiter zu einer feinen Hilfengebung.

- Die Kandare ist nur für erfahrene, fortgeschrittene Reiter geeignet.

- Die Kandare ist nur für Pferde mit entsprechender Ausbildung geeignet.

- Um mit einer Kandare zu reiten, benötigt man Kandarenreife.

- Die Kandare kann den Kiefer eines Pferdes brechen.

- Der Reiter ritt auf blanker Kandare.

Fast jeder Satz, der mit einer Kandare zu tun hat, steht da wie eine Mahnung, macht uns auf die wunderbaren Möglichkeiten des feinen Reitens, aber noch viel mehr auf die Gefahren aufmerksam, die damit verbunden sind.

Mal ganz ehrlich: Im Ziel „Ich reite mit Kandare“ steckt eine hohe Motivation. Wer möchte sich nicht als fortgeschrittener Reiter ausweisen? Etwas, was nicht jeder kann oder darf, weckt Ehrgeiz in so manchem. „Echt? Reitest Du schon auf Kandare?“ Bewunderung wird einem da zu Teil und so ist es natürlich auch mit dem Pferd: „Bereits auf Kandare geritten“ ist in der Regel eine Auszeichnung, die einen gewissen, höheren Ausbildungsgrad impliziert.+

Schön wärs – wenn es so wäre! Wenn wirklich wie in Horst Sterns „Die Sporen muss man sich verdienen“ gefordert, zunächst eine reiterliche Reife erlangt wurde, bevor man Kandarenzügel in die Hände bekommt. Und genauso schön wäre es, wenn dem Pferd eine solide Ausbildung auf Trense zu Teil würde, bevor ihm das eiserne Gestänge namens Kandare ins Maul geschoben wird. Doch genau an dieser Stelle sind Zweifel angebracht! Denn anders sind Bilder, die man auf Turnieren sieht, nicht zu erklären:

- Falsch verschnallte Kandaren

- Kandarenbäume, die parallel zur Maulspalte verlaufen (die Kandare strotzt) oder die Kinnkette wird so locker geschnallt, dass die Bäume bei leicht angenommenen Zügeln nicht im 45°-Winkel stehen und damit „durchfallen”.

- Zusätzlich eingeschnallte Sperrriemen gegen Pferde, die „ein bisschen hart im Maul sind und nicht nachgeben wollen“.

- Reiter, die sich mit voller Kraft in die Zügel legen

- Aufgerollte Pferdehälse

- Einseitig ziehende Zügelhilfen (soll wahrscheinlich annehmen sein)

… und all diese Vergehen gegen das Tier Pferd werden mit einem Gerät begangen, das, man kann es nicht oft genug wiederholen, der Verfeinerung der Hilfen dienen soll, nur in erfahrene, fortgeschrittene Hände gehört und Kieferknochen brechen kann!

Über eine sensible Höhle

Prof. Dr. H. Preuschoft führt in seiner Studie “Die Wirkung von Gebissen auf das Pferdemaul“ dazu aus:

… . Noch empfindlicher als der Nasenrücken ist naturgemäß das Maul des Pferdes. Es ist mit der sensiblen Mundschleimhaut ausgekleidet, die sehr dicht innerviert (Versorgung von Körpergeweben und Organen mit Nerven) ist. Aus Versuchen wissen wir, dass Reize auf die Mundschleimhaut oder die Zähne sehr schnell auf die (Kau)Muskulatur übertragen werden.
Diese reagiert auf Nervenreize 10 bis 20 mal so schnell wie die viel „langsameren“ Muskeln des Bewegungsapparates.

Das muss man wirklich noch einmal bewusst auf sich wirken lassen: Wir haben also ein dicht mit Nerven versehenes Pferdemaul vor uns – übrigens so sensibel, dass es in der Lage ist, aus einem ganzen Büschel Gras einen einzigen schlechten oder nicht wohlschmeckenden Halm herauszufiltern und auszusortieren! Und das alles während fortgesetztem Kauvorgang!
Die Muskulatur dieses feinen Pferdmauls reagiert sogar 10 bis 20 mal schneller als die übrige Skelettmuskulatur – ein weiterer Beweis für die Empfindlichkeit dieses kleinen Wunderwerks der Natur.

… und nun kommt mensch daher und schiebt diesem Tier unsachgemäß (!) ein Eisengerät in das eben noch als feinnervig definierte Maul, schnürt es zu, wirkt mit Kräften darauf ein, die gewaltig sind – und es gibt kein Entrinnen…

Kein Entrinnen

Will das Pferd dem Druck auf Laden, Zunge, Gaumen oder Genick entgehen, wird es vom ausgeklügelten System der Kandare daran gehindert. Was dazu gedacht war, bei feiner Hilfengebung eine rasche Beizäumung zu erreichen, mutiert beim Durchschnittsreiter zum Marterwerkzeug! Um unangemessenem Druck (oder Schmerz) auf Laden, Zunge oder Gaumen zu entfliehen, müsste das Pferd sein Maul öffnen können, was nicht möglich ist, weil dies vom Reithalfter zugehalten wird. Was bei feiner Hilfengebung Sinn macht, wird jetzt zur Qual! Versucht sich das Pferd dem Schmerz nach unten zu entziehen, verstärkt sich der Druck auf das Genick. Wie es sich auch dreht und wendet, das Pferd hat keine Möglichkeit, sich aus dem System von Stange, Kette und Hebeln zu befreien.

Lesen wir, was Prof. Dr. Preuschoft in seiner Studie „Die Wirkung von Gebissen auf das Pferdemaul“ über die Wirkung der Kandare ausführt:

Wie wirkt eine Kandare?

Der erste Anzug der Zügel schwenkt die Unterbäume nach hinten und die Oberbäume nach vorn. Drehachse ist zunächst das Stangenmundstück. Mit dem Vorschwenken des Oberbaums geht auch die Aufhängung der Kinnkette nach vorn und spannt diese an. Jetzt umschließt ein Ring, aus Mundstück und Kinnkette gebildet, den Unterkiefer fest und eng. Das erlaubt die ungemein genaue Übermittlung von Veränderungen der Handstellung.

Auch hier sollten wir das Ausgeführte erst einmal auf uns wirken lassen:
Auf Grund von Hebelwirkungen der Kandarenbäume und einer festen Umschließung des Unterkiefers aus Mundstück und Kinnkette wird eine Einwirkung auf das Pferdemaul möglich, die so stark ist, das wir es uns vielleicht manchmal nicht richtig vorstellen können. Aber das sollten wir! Denn der notwendige Respekt vor der Kandare und seiner Wirkung kann viel Leid im Pferdemaul verhindern. „…ungemein genaue Übermittlung von Veränderungen der Handstellung“ heißt im Umkehrschluss nämlich auch, dass jede, aber auch jede kleinste, ungewollte Bewegung der Hände eine große Wirkung auf das Pferdemaul hat.

Jeder Tropfen Wasser eine ungewollte Einwirkung auf das Pferdemaul!
Jetzt heißt es wieder einmal: Sei mal ehrlich zu Dir selbst. Hast Du Deine Hände wirklich unter Kontrolle? Früher gab es einen harten Test, der schnell zeigte, wie ruhig ein Reiter seine Hände hielt. Er bekam ein Brett mit einem vollen Glas Wasser auf die Fäuste gestellt und sollte nun möglichst wenig Wasser verlieren. Wie viele Kandarenreiter wären wohl dazu in der Lage? Man bedenke: Jeder Tropfen Wasser, der da aus dem Glas schwappt bedeutet eine ungewollte Einwirkung auf das Pferdemaul! Wie viele wären noch nicht einmal in der Lage, das Brett allein auf ihren Fäusten zu halten? Übrigens: Selbsttest erwünscht! Ein Frühstücksbrett ist ideal. Und auch Trensenreiter sollten sich nicht ausruhen, denn auch unruhige Hände bei einer Trense sind für ein Pferd alles andere als angenehm.

Prof. Dr. Preuschoft führt weiter aus:
… am Mundstück wirkt die Resultierende aus Zügelkraft und Kinnkettenkraft. Bei dem hier üblichen Längenverhältnis von Oberbaum zu Unterbaum von 1:3 bedeutet das eine Resultierende von der vierfachen Größe der Zügelkraft. Das ist der Grund für die „Schärfe“ der Kandarenzäumung: Verstärkungsfaktor 4!

Die Meister müssen an die Longe!
Übrigens : Reiter der Wiener Hofreitschule, die man wohl ohne Widerspruch als ausgezeichnete Reiter bezeichnen kann, müssen ein- bis zweimal pro Woche zur Sitzschulung an die Longe.
Welcher „Fortgeschrittene Reiter“ in unserem Lande würde das nicht als Entwürdigung empfinden…

Kandarenbäume und ihre Hebelwirkung:

Prof. Preuschoft hat auch die Wirkung der Kandarenbäume untersucht und kommt dabei zu einem interessanten Ergebnis: Wie allgemein bekannt, bieten lange Unterbäume der Kandarengebisse verlängerte Hebelarme, sind mithin besonders „scharf“. Über diese Feststellung sollte man aber nicht vergessen, dass lange Kandarenbäume noch einen weiteren, aber wenig beachteten Effekt haben. Der Weg, den die Zügel beim Anziehen zurücklegen, muss größer sein, um den gleichen Effekt zu erzielen, wie mit einem kürzeren Unterbaum. Werden die Zügel durch Drehen der Zügelhand um die GLEICHE STRECKE (wichtig!) verkürzt, dann wirkt diese Kandare milder.

Tu etwas, FN!
Die Deutsche Reiterliche Vereinigung ist wieder einmal aufgefordert, Maßnahmen zu ergreifen, um ihre Richtlinien durchzusetzen. Es reicht nicht aus, auf dem Papier zu fordern, dass eine Kandare nur in die Hände eines fortgeschrittenen Reiters auf einem entsprechend ausgebildeten Pferd gehört. Wenn Bilder, wie Sie die Fotos in diesem Artikel zeigen, möglich sind, dann muss gehandelt werden!

Was ist denn überhaupt ein fortgeschrittener Reiter?
Es muss dringend eine Definition des Begriffes „Fortgeschrittene Reiter“ her. Offensichtlich reicht es nicht, ein paar gelungene L-Dressuren auf Trense vorzuweisen, um dann auf Kandare umsteigen zu dürfen. Eben so wenig reicht es offenbar aus, das entsprechende Reitabzeichen abzulegen, um dann auch auf Turnieren dieses Gerät zu nutzen.

Das Bewusstsein der Richter muss für den Pferdeschutz geschärft werden – nicht für den Züchterschutz!
Das „berechtigte“(?) Interesse der Züchter wird nämlich gern als Grund genannt, warum Kandaren, Hilfszügel und Co. nicht öfter aus dem Turniersport verbannt werden.+
Leider traut sich kein Richter, offen zu sagen, was er denkt. Nur hinter vorgehaltener Hand trauen sich die Einen oder Anderen, kritische Bemerkungen abzugeben. Mancher gibt einem auch recht, solange sein Name nicht veröffentlicht wird….

… und so sitzen sie teilweise frustriert, teilweise desinteressiert an ihrem Richtertisch, weil sie auch wissen, dass der Veranstalter sie nicht mehr anfordert, wenn sie nicht in seinem Interesse richten. … und schließlich macht man eine Richterausbildung, weil man richten möchte.

Abhilfe wäre da leichter geschaffen, als man denkt: Ließe man die Richter für die Turniere nach einem wie auch immer gearteten System auslosen, rotieren oder nach anderen Kriterien des Zufalls auswählen, so wären sie unabhängig und nicht mehr Spielball der Veranstalter!
Es sollte auch nicht verboten sein, darüber nachzudenken, Kandarenprüfungen komplett aus dem nationalen Bereich des Turniersports zu streichen.
In der Zwischenzeit werden ja schon S-Dressur-Prüfungen auf Trense angeboten (leider noch viel zu wenig). Ist das vielleicht der erste Schritt in die richtige Richtung?