Ein Buch, das nie erschien…

12. Juli 2013

Vor einigen Jahren begann ich mit Recherchen für ein Buch, das dann doch nie erscheinen sollte. Eine ganze Saison lang war ich auf norddeutschen Reitturnieren unterwegs, beobachtete besonders, was sich am Rande von Dressurviereck und Springparcours so abspielte.

Und obwohl ich weiß Gott nicht blauäugig an die Sache heranging, schließlich war ich selbst Turnierreiterin gewesen und hatte meine Reitschüler unzählige Male als Trainerin begleitet, war ich am Ende dieser „Reise über die Turnierplätze“ geschockt und traurig.

Vielleicht konnte ich jetzt noch mehr sehen, weil ich in Ruhe hingucken konnte und nicht abgelenkt war von Geschehen, die mich selbst oder meine Reitschüler betrafen, auf jeden Fall sah ich mehr, viel mehr, als mir lieb war… .

Womit ich jedoch nicht gerechnet hatte, waren die Aggression, die mir von Reitern begegnete, die Behinderungen, die ich von Veranstalterseite erfuhr, sowie das Verhalten von Richtern, dass ich zum Teil als fragwürdig bezeichnen würde.

Ich wurde bedroht („Die reit’ ich über den Haufen!“ „Ich schlag Dir gleich Deine Kamera in die Fresse!“), es wurde versucht, mir Platzverweis zu erteilen, Richter, die ich auf Vergehen gehen die FN-Bestimmungen aufmerksam machte, verwarnten nicht etwa die entsprechenden Reiter, sondern reagierten ablehnend bis aggressiv – kurzum – es entstand ein unglaublicher Druck, der letztendlich auch dazu führte, dass ich mein Vorhaben – das Buch – ad acta legte.

Einige Beispiele aus zahlreichen Erlebnissen möchte ich nun schildern:

An einem Sommertag begab ich mich auf ein Turnier im Norden Niedersachsens. Ein S-Springen sollte als Abschluss das Turnier krönen und ich begab mich zum Abreiteplatz der Teilnehmer. Mein Blick wurde auf ein altes Wagenrad gelenkt,

das neben dem Einritt zum Parcours direkt am Abreiteplatz stand. Es diente als Ablage für diverse Schlaufzügel. Mein Interesse war geweckt. Ein Blick auf den Abreiteplatz bestätigte meinen Verdacht: Fast alle Springreiter bedienten sich dieser Hilfszügel,

die im Parcours und beim Überwinden von Hindernissen auch auf dem Abreiteplatz verboten sind.  Lediglich zur Vorbereitung der Pferde ohne Springen sind sie auf dem Abreiteplatz erlaubt. (???)

Schon sah ich den ersten Reiter, der mit Schlaufzügeln auf ein Hindernis zuritt und es überwand.

Immer wieder sprang er verbotener Weise mit diesen Hilfszügeln und ich machte meine ersten Aufnahmen. Ich fragte mich, warum der Richter vom Abreiteplatz das Treiben nicht beendete, sollte aber bald feststellen, dass dieser, wie schon unzählige Male auf anderen Turnieren zuvor, nicht an seinem Platz war. Ich fragte mich durch und man ging auf die Suche nach ihm. Endlich erschien der hier Zuständige, dem ich den Verstoß gegen die FN-Bestimmungen zeigte.

Der Richter war sehr freundlich (ich sehr erleichtert), er rief den Reiter heran, sprach mit ihm und erklärte mir dann, dass der Reiter aus Holland käme und die Bestimmung nicht kannte. Er bedankte sich bei mir für meine Aufmerksamkeit, was ich wirklich toll fand – aber – das wars – ah ha…

Ich dachte kurz, dass ich vielleicht mal in Holland alle rote Ampeln überfahren und mich dann derart entschuldigen sollte, dass ich die holländischen Bestimmungen nicht kennen würde, konzentrierte mich dann aber doch wieder auf das Geschehen auf dem Abreiteplatz.

Ich traute meinen Augen nicht: Der nächste Kandidat, der seinem Pferd auf unnatürliche Weise mit Hilfe von Schlaufzügeln den Kopf auf die Brust zog, setzte zum Sprung an und ich drehte mich um, um den diensthabenden Richter erneut darauf aufmerksam zu machen, da sah ich ihn mit mehreren Personen neben dem Richterturm stehen.

Hin und wieder wurde zu mir herüber geschaut und ich fragte mich, was dort wohl besprochen würde, wartete aber selbstverständlich höflich ab. Nach Beendigung dieser Runde, sprach ich den Richter an, wollte gerade meinen Satz „Darf ich Ihnen….“ vollenden, da unterbrach er mich schreiend, er wüsste selbst, wie er seine Arbeit zu machen habe und ich hätte ihm nicht zu sagen, wie er sie zu machen habe, ich solle ihn zufrieden lassen, machte auf dem Absatz kehrt und verschwand im Richterturm. Was für eine Metamorphose war denn mit diesem Menschen vor sich gegangen? Wenige Minuten zuvor hatte er sich noch bei mir für meine Aufmerksamkeit bedankt und nun das? Wenig später wurde klar, was hier abgegangen war.

Zwei Herren des Veranstalters und ein völlig betrunkener Begleiter traten auf mich zu und „baten“ mich, den Turnierplatz zu verlassen. Auf meine Frage, warum, teilten sie mir mit,  dass sich die Reiter über mein Fotografieren beschwert hätten, es störe sie bei ihrer Vorbereitung. Ich enttarnte dieses Argument kurzer Hand als Vorwand, denn neben Pressevertretern fotografierten natürlich auch zahlreiche Privatpersonen – kurzum – dieses Argument war so offensichtlich vorgeschoben …

Doch die Veranstalter ließen nicht locker und der betrunkene Begleiter drohte mit körperlicher Gewalt. Wenigstens das wurde von den beiden nüchternen Herren unterbunden. Ich warf ein paar Namen von FN-Vertretern in den Raum, mit denen ich vorher, zwecks Vorbereitung, Kontakt hatte und genauso plötzlich wie die Abordnung erschienen war, ging sie nun auch wieder. Namen sind doch nicht Schall und Rauch…

Damit war die Geschichte aber immer noch nicht beendet, denn nun kam der „ruhmreichste“ Auftritt dieses Nachmittags: Die diensthabende Tierärztin erschien, eine „alte Bekannte“, war sie doch jahrelang die Tierärztin meiner Schulponys, als ich noch meine Reitschule betrieb.

Also hoffte ich natürlich jetzt auf ein vernünftiges Gespräch. Was jedoch nun geschah, setzte  dem Geschehen die Krone auf: Meine ehemalige Tierärztin forderte mich zum Verlassen des Turnierplatzes auf, fragte nach meinem Presseausweis (den eine Buchautorin nicht besitzt) und wollte dann wissen, wofür die Fotos denn wären. Ich erzählte es ihr – ich hatte nichts zu verheimlichen. Ich fragte sie, ob gerade sie als Tierärztin hier nicht gerade auf der falschen Seite stehen würde.

Sie müsste doch für Tierschutz stehen und nicht für die Interessen des Veranstalters. Für den Tierschutz sei der LK-Beauftragte (LK=Landeskommission, also FN) zuständig und nicht der diensthabende Tierarzt! Hört! Hört!  Nun forderte sie mich auf, meine Fotos doch mit den entsprechenden Reitern zu diskutieren. Meinen Hinweis auf gewisse Erfahrungen mit aggressiven Reaktionen wischte sie süffisant lächelnd vom Tisch: Wenn man solch einer Arbeit nachginge, müsste man auch in Kauf nehmen, dass einem die Kamera auf den Kopf geschlagen würde. Nun reichte es mir. Ich erklärte ihr, dass lediglich Mitglieder des Vorstandes einen Platzverweis aussprechen könnten und nicht eine Tierärztin und beendete das Gespräch. Erst wesentlich später wurde klar, dass diese Tierärztin so eng mit den Veranstaltern verbandelt war und wahrscheinlich noch ist, dass ihr dessen Interessen und damit auch die ihren wesentlich wichtiger waren, als Tierschutz und auch eine gewisse Ehre, die man bei ihrem Beruf im Bauch haben sollte.

An eine andere Geschichte erinnere ich mich immer noch mit großem Unbehagen, weil ich mich frage, wie es dem Pferd, das hier im Mittelpunkt steht, wohl heute gehen mag.

Wieder einmal beobachtete ich eine Springprüfung. Diesmal hatte es mich nach Schleswig-Holstein verschlagen. Schon auf dem Abreiteplatz war mir der für dieses Pferd fast zu große Reiter aufgefallen, weil er zur Vorbereitung ungewöhnlich viele Sprünge absolvierte und überdurchschnittlich lange galoppierte.

Im Parcours dann verweigerte sein Pferd ein Hindernis, das schon anderen Reitern Schwierigkeiten bereitet hatte. Aus einem Bogen heraus mussten die Teilnehmer aus der Sonne kommend einen Oxer anreiten, der im Schatten stand und links und rechts von dichtem Gebüsch gesäumt war. Jeder, der ein bisschen von Pferden versteht, erkennt sofort die Problematik: Das Pferd muss aus dem hellen Licht plötzlich auf Dunkel umstellen und auch noch in das Dunkel hineinspringen. Zusätzlich können die Büsche ein Pferd ängstigen. Wie man weiß, lauern im Gebüsch manchmal „unsichtbare Feinde“, außerdem wird der Raum plötzlich eingeengt, was einem Pferd als Steppentier einfach nicht behagt. Kurzum – die Verweigerung erfreut natürlich nicht das Reiterherz, ist aber erklärbar und dementsprechend kann man solche Situationen mit dem Pferd trainieren.

Dieser Reiter jedoch jagte sein Pferd mit Gertenschlägen, die weit über das Gelände hallten, über den Platz. Wie allgemein bekannt, helfen ja Schläge gegen Angst ganz gewaltig…..

Der Reiter schied erwartungsgemäß nach drei Verweigerungen aus und nun ereignete sich das eigentlich Grausame. Er hetzte das Pferd eine geschlagene halbe Stunde lang im ununterbrochen Galopp über die Hindernisse des Abreiteplatzes. Erst dann, und das darf wohl zu recht als viel zu spät erachtet werden, griff endlich eine Aufsichtsperson ein und beendete diese Tierquälerei. Panik und totale Erschöpfung kämpften bei dem armen Tier um die Oberhand. Ich hoffe, dass das Schicksal gnädig mit ihm war und dass dieser Mensch, den man vielleicht gar nicht als Reiter titulieren sollte, das Pferd verkauft hat und dass es in verständigen Händen gelandet ist…

Warum wird so etwas von den Offiziellen nicht als Tierquälerei zur Anzeige gebracht?

Dass ich nun gerade von zwei Springprüfungen berichtet habe, ist reiner Zufall, denn in der Hauptsache hatte ich mich bei den Dressurreitern umgesehen.

Auch hier nur ein Beispiel von vielen:

Eine Trense hat schließlich auch einen Sperrriemen…

Ein Turnier in Norddeutschland. Wir befinden uns auf dem Abreiteplatz für eine M-Dressur-Prüfung. Einer der Reiter hat die Kandarenzäumung seines Pferdes verbotener Weise zusätzlich mit einem Sperrriemen versehen. Das müsste eigentlich dem Richter des Abreiteplatzes auffallen, aber er, in diesem Falle sie, ist nicht am Abreiteplatz zu finden. Eine ältere Dame, die nicht mehr stundenlang stehen kann, hat diese Aufgabe inne und ruht sich bei einem Kaffee an der Meldestelle aus. Der Reiter mit der zugeschnürten Kandare ist ihr entgangen. Der Veranstalter holt die Turnier-Tierärztin dazu. Diese hält sich für machtlos, weil sie, wie sie sagt, erst eingreifen kann, wenn sie beweisen kann, dass das Pferd durch dieses Einschnüren Schmerzen erleidet. Wir kommen also nicht weiter. In der Zwischenzeit, das Suchen, Ausrufen und Finden von Richterin und Tierärztin hat so seine Zeit gedauert, hat der Reiter die Prüfung schon hinter sich gebracht und ist scheinbar verschwunden. Der Veranstalter braucht Beweise, sagt er und fordert Fotos. Nein, auf dem Display der Digitalkamera könne man nicht erkennen, um wen es sich da handelt (auch nicht bei vergrößerter Einstellung). Sie bräuchten eine lesbare Kopfnummer, um etwas unternehmen zu können. In der Meldestelle könne die Kamera nicht an einen Computer angeschlossen werden, ein Ausdruck müsse woanders erfolgen. Also – nach Hause fahren, ausdrucken, zurückfahren, alles noch im guten Glauben, der Veranstalter sei wirklich an einer Aufklärung interessiert, und Bild vorlegen. Einem rutscht raus: „Ja, das ist doch der…“

Es gibt jetzt keine Ausrede mehr. Pferd, Reiter und Startnummer sind deutlich zu erkennen und offensichtlich ist der Reiter kein Unbekannter. Und da hat man ihn vorher auf dem Display nicht erkannt? Schon seltsam…

Ein Richter wird hinzugezogen, aber er meint, dies sei ein Fall für den LK-Beauftragten

(LK = Landeskommission), der aber gerade noch eine Prüfung richte. Also warten wir jetzt auf das Ende dieser Prüfung und beobachten auch noch die Siegerehrung.

Endlich ist es soweit – wir können mit dem LK-Beauftragten sprechen – nein falsch – Richter, Veranstalter und wer sich in der Zwischenzeit noch so für den Fall interessiert, dürfen – Fotografin darf nicht. Man kommt nach einem Gespräch gemeinsam zurück, erklärt, dass es sich bei so etwas in der Tat um einen Verstoß gegen die LPO (Leistungs-Prüfungs-Ordnung) handele und nun wird der Reiter, der plötzlich wieder da ist, „zur Rede gestellt“.

So etwas sei nicht in Ordnung, erklärt ihm der Lk-Beauftragte. Aber er kenne das doch bestimmt auch, erwidert der „Gescholtene“, einige Pferde seien halt ein bisschen hart im Maul und gingen mal gegen die Hand – da hätte er mal kurz den Sperrriemen eingeschnallt….

Der LK-Beauftragte nickt wissend, klärt den Reiter aber noch einmal auf, dass so etwas verboten sei. Dann folgt ein lächelndes „Das darfst du aber nicht wieder tun“ und der Reiter grinst zurück und nickt.

Auf den Hinweis, dass so ein zusätzlicher Riemen ja nicht grundlos verboten sei und ob er das Ganze nicht etwas verharmlost habe, erwidert der LK-Beauftragte, das sei gar nicht so schlimm, eine Trense habe schließlich auch einen Sperrriemen…

Hier wären ja wohl schärfere Sanktionen fällig gewesen!

Ich würde gern zu einer Veränderung beitragen. Wer also Lust hat, sich zu engagieren, melde sich bitte!

- Ich möchte, dass Bilder dieser Art aus dem Turniergeschehen verschwinden.

- Ich möchte, dass ganz neue Regeln in die FN-Richtlinien aufgenommen werden. Dazu gehören zum Beispiel:

-Verbot von Sporen

- Außer in einfachen Reiterwettbewerben das Verbot von Hilfszügeln aller Art. Auch auf den Abreiteplätzen! (Wie auf dem Foto zu sehen, wird nicht einmal davor Halt gemacht, sich damit bei der Siegerehrung zu präsentieren!)

- Das Gestatten von weniger Zäumungen und Gebissen. Auch und gerade in den höheren Springklassen ist zur Zeit fast alles erlaubt. Auf eine Zäumung mit Springkandare zum Beispiel darf der Reiter zum Beispiel auch noch ein Hackemore darüber zäumen!….

- Verwarnungen und Ausschluss aus Prüfungen bei falsch gezäumten Kandaren (strotzend oder durchfallend).

- Das Auslosen der Richter zu den Turnieren. Dadurch würde es keine Möglichkeit der Veranstalter geben, auf die Richter Einfluss zu nehmen. Sie könnten wirklich richten, wie sie es für richtig halten, ohne Rücksicht auf die Turnierveranstalter. Es soll vorkommen, dass Richter nicht mehr vom Veranstalter angefordert werden, wenn sie nicht in „seinem Sinne“ gerichtet haben. Das Auslosen wäre eine ganz einfache Methode, um Vorwürfe der Einflussnahme von vornherein auszuschalten!